Entzündliche Erkrankungen des Zentralen Nervensystems 

Unter dem Begriff  "Entzündliche Erkrankungen des ZNS"  werden verschiedene Erkrankungen zusammengefasst, die eine Entzündungsreaktion im zentralen Nervensystem (Gehirn und / oder Rückenmark) verursachen. Häufiger Auslöser ist eine autoimmune Reaktion, bei der das eigene Immunsystem die eigenen Nervenstrukturen angreift. Aber auch verschiedene Erreger - am häufigsten Viren - können zu einer Entzündung des ZNS führen. 

Je nach Lokalisation der Entzündung(en) können verschiedene Körpersymptome auftreten. Diese entwickeln sich oftmals über mehrere Tage und müssen nicht unbedingt mit Schmerzen einhergehen. Typische Symptome sind z.B. Sensibilitätsstörungen, Lähmungserscheinungen, Koordinationsstörungen, Gangunsicherheiten, Sehstörungen und Sprach- oder Sprechstörungen.

Treten solche Symptome auf, ist eine zügige Diagnostik erforderlich, damit die vermutliche Ursache gefunden und eine passende Therapie eingeleitet werden kann. 

Multiple Sklerose

Die Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch entzündliche Erkrankung des Zentralen Nervensystems (ZNS, Gehirn und Rückenmark), welche durch eine fehlerhafte Aktivierung des Immunsystems, zu einer Schädigung der Nervenstrukturen führt. Die Erkrankung macht sich meist in jüngeren Jahren (zwischen 20. - 35. Lebensjahr) bemerkbar. 
Bis heute ist nicht eindeutig geklärt, warum es bei manchen Menschen zu einer MS kommt und bei anderen nicht. Wahrscheinlich spielen genetische Faktoren eine gewisse Rolle (familiäre Veranlagung). So ist das Risiko selbst an einer MS zu erkranken erhöht, wenn nahe Verwandte (z.B. Eltern, Geschwister) eine MS haben. Man geht jedoch heutzutage  davon aus, dass am ehesten noch Umweltfaktoren (z.B. Infektionen, Vitamin D-Mangel) und autoimmune Prozesse vorliegen müssen, damit es letztlich zur Erkrankung kommt. 

Häufige Symptome der MS sind recht plötzlich auftretende und mindestens 24 Stunden oder länger anhaltende 

  • Sensibilitätsstörungen (oftmals auf einer Körperseite) 
  • Schwäche und Kontrollstörung eines Arms oder der Hand 
  • Schwäche oder Kontrollstörung meistens eines Beins
  • Gleichgewichts- oder Gangstörung
  • Schwindel
  • Sehstörungen (meistens) auf einem Auge
  • teilweise Schmerzen oder Missempfindungen (manchmal elektrisierendes Gefühl) 
  • manchmal Probleme mit dem Wasserlassen oder dem Stuhlgang

Wichtig: Die Multiple Sklerose ist zwar die häufigste, aber eine von vielen möglichen entzündlichen Erkrankungen des Zentralen Nervensystems. Bevor die Diagnose MS endgültig gestellt wird, ist immer eine ausführliche Diagnostik erforderlich!

Die Diagnose der MS beruht im Wesentlichen auf vier Prinzipien:

  • das klinische Bild: Welche Symptome liegen vor? Wie ist der zeitliche Verlauf?
  • MRT vom Gehirn und Rückenmark, da dort akute und ältere Entzündungen sichtbar gemacht werden können
  • Untersuchung des Nervenwassers (Liquor) um spezifische Marker des Immunsystems nachzuweisen
  • Messung der Nervenfunktion zum Nachweis einer Funktionsstörung

Mittlerweile wurden klare Diagnosekriterien für die MS definiert (McDonald-Kriterien, letzte Überarbeitung im Jahr 2017), die sowohl den MRT-Befund und den Liquorbefund heranziehen. 

Der Verlauf der MS kann sehr unterschiedlich sein und ist am Anfang der Erkrankung nicht abschätzbar. Treten neue entzündliche Veränderungen des ZNS auf, können diese sich als ein erstmaliges oder neues Körpersymptom bemerkbar machen, man spricht dann von einem “MS Schub”. Bei den meisten Patienten bilden sich die Symptome eines Schubes innerhalb von 6–8 Wochen zurück. Halten die Symptome über sechs Monate anhalten, sinkt die Rückbildungswahrscheinlichkeit auf unter 5 %.

Bei 80% der MS Betroffenen liegt anfangs ein schubförmiger Verlauf vor und oftmals treten  über Jahre nach einem ersten Schub und der Diagnose MS keine weiteren Symptome mehr auf. In verschiedenen Studien konnte gezeigt werden, dass bei vielen Patienten durchschnittlich nur alle zwei bis drei Jahre ein Schub auftritt. Unter einer spezifischen Therapie kann die Zeit zwischen zwei Schüben oftmals noch verlängert werden. Es gibt auch Patienten die über zehn und mehr Jahre keinerlei Krankheitsaktivität aufweisen.

Da nicht jede Entzündung im Nervensystem Symptome verursacht, sind regelmäßige MRT-Kontrollen erforderlich, um die “Aktivität der Erkrankung” erfassen zu können. Am Anfang der Erkrankung ist es sinnvoll halbjährliche MRT-Kontrollen zu machen. Finden sich nach 1-2 Jahren keine Zeichen einer relevanten Krankheitsaktivität, reichen oftmals jährliche MRT-Kontrollen aus. 

Bei ca. 50% der MS-Patienten kann es 10 bis 20 Jahre nach Beginn der Erkrankung zu einem Wandel des Verlaufs kommen. Es treten dann weniger Schübe auf, dafür kommt es über mindestens 6 Monate zu einer schleichenden bzw. kontinuierlichen Verschlechterung einzelner Körperfunktionen oder Zunahme von Symptomen. Wenn das der Fall ist, ist am ehesten von einer sekundär chronisch progredienten MS auszugehen. 

Bei ca. 10% der Betroffenen kommt es von Anfang an nur zu einer schleichenden Verschlechterung ohne das einzelne Schübe abgrenzbar sind, man spricht dann von einer primär progredienten MS

Es gibt mittlerweile gute Belege dafür, dass durch die medikamentöse Therapie der Verlauf der MS-Erkrankung positiv beeinflusst werden kann und viel weniger Patienten nach 10 oder 20 Jahren eine relevante Behinderung bekommen.

Welche Faktoren sind mit einer günstigeren Prognose verbunden? 

  • Die anfängliche Schwere der Erkrankung (wenige Symptome, nur sensible Symptome, erhaltene Gehfähigkeit)
  • Dauer der Schübe (kurz dauernde Schübe)
  • Rückbildung der Schübe (gute Rückbildung)
  • Anzahl der entzündlichen Herde im MRT (wenig Herde)
  • Alter bei Erkrankungsbeginn (< 35 Jahre)
  • Veränderungen in den Evozierten Potentialen (keine Veränderungen)

Achtung: Rauchen kann den Verlauf der MS negativ beeinflussen!

Die Therapie der Multiplen Sklerose gestaltet sich vor allem nach dem vorherrschenden Verlaufstyp und der Krankheitsaktivität. Bei den meisten Betroffenen liegt eine schubförmige MS vor. Dafür gibt es seit den 90er Jahren Medikamente, die ihre Wirksamkeit und Sicherheit belegen konnten. Innerhalb der vergangenen zehn Jahre sind mehrere neue Wirkstoffe zur MS-Therapie zugelassen worden, so dass mittlerweile über zehn verschiedenen Präparate zur Behandlung der MS zur Verfügung stehen. Neben den etablierten Injektionstherapien mit Interferonen und Glatirameracetat, gibt es seit mehreren Jahren auch Medikamente in Tablettenform. In den letzten Jahren sind zusätzlich noch Antikörper-basierte Wirkstoffe zugelöassen worden. Je nach Präparat können unterschiedliche Nebenwirkungen auftreten und sind individuelle Kontrolluntersuchungen erforderlich. 

Welches Therapie für welchen Patienten geeignet ist, kann nur in einem persönlichen Gespräch mit einem Neurologen, der in der MS-Therapie erfahren ist, geklärt werden.

!!! Bei einem akuten MS-Schub (= neue Symptome die über 24 h anhaltend) ist in der Regel eine akute Therapie mit einer Kortison (als Infusion oder Tabletten) über 3-5 Tage erforderlich !!!

 Auch die nicht-medikamentösen Therapien sind bei der MS wichtig. Dazu gehören je nach Beschwerden und Symptomen: Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie und Rehasport.

Ein aktiver Lebensstil kann viele MS-Symptome verbessern.

Es besteht bei MS-bedingten Einschränkungen und Behinderungen auch die Möglichkeit eine stationäre Rehabilitation zu beantragen.Dort können bei einem mehrwöchigen Aufenthalt, mit oftmals täglichen Therapien, Anwendungen und Bewegungsangeboten, in vielen Fällen große Fortschritte und Minderung der Beschwerden erzielt werden.

 

Neuromyelitis optica-Spektrum Erkrankungen (Devic-Syndrom)

 

Vaskulitis des Zentralen Nervensystems

 

Weitere Informationen 

Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft 

Kompetenznetz Multiple Sklerose 

AMSEL e.V. (Multiple Sklerose Informationseite des Landesverbandes der DMSG Baden-Würtemberg)

MS Brain Health

MS und Kinderwunsch

www.trotz-ms.de (Fa. Roche)